|
Auf der Suche nach
einem neuen Hengst
Nach Ibn Galal (Magdi), Mehanna, Mohssen, die wir importiert hatten und
die in unserem Zuchtprogramm zum Einsatz kamen, sollte es ein Hengst sein,
der die vorhandene Stutenbasis verbessern und neue Maßstäbe
setzen konnte. Es war und ist uns bewusst, dass unsere Zucht nur bestehen
kann, wenn es uns gelingt, Pferde zu züchten, die internationalem
Standard entsprechen und - ungeachtet ihrer Blutführung - wettbewerbsfähig
sind.
Durch meine
Tätigkeit als Richter hatte ich die Chance, die Entwicklung innerhalb
der Zucht weltweit verfolgen zu können. Zahlreiche Reisen führten
uns in die letzten Winkel dieser Erde, vorausgesetzt es gab dort arabische
Pferde. Stets war es das Ziel jeder Reise das Außergewöhnliche
zu finden!
Nach vielen Importen
aus Ägypten und unseren Besuchen der wohl bekanntesten Ägypter-Gestüte
in den USA (Gleannloch-Farm, Ansata und Bentwood-Farm) in den achtziger
Jahren, hatte sich ein Idealbild entwickelt. Der Hengst Ansata Shah Zaman
kam diesem Ideal in Typ, Modell und Abstammung am nächsten: ein schlichtweg
klassischer Hengst. Er war das Produkt einer Anpaarung von Morafic mit
seiner Vollschwester, der Nazeer-Tochter Ansata Bint Mabrouka.
Ein Hengst, der uns mit seiner Ausstrahlung beeindruckte, ein Pferd mit
Größe und Rahmen, das außerdem besten arabischen Typ
repräsentierte. Ein gelungenes Inzuchtprodukt.
Doch wir wollten unbedingt vermeiden, mit zu starker Inzucht gewisse Schwächen
in der Zucht zu festigen, wie sie bereits erfahrene Züchter hinnehmen
mussten; ein Weg, der unserer Meinung nach unweigerlich in einer Sackgasse
endet.
Um solche Risiken weitgehend auszuschließen, legen wir bei einem
Hengst besonderen Wert auf eine erstklassige Abstammung: Gekonnte, nicht
zu enge Linienzucht ja, Inzucht nein.

Photo: Nicole Sachs
Alidaar kurz vor seinem zwanzigsten Geburtstag
Ein
Tag in Texas
Bei einem Stop
in Texas auf dem Gestüt von David Gardner fand ich dieses Ideal:
Alidaar! Hier stand er plötzlich vor mir, arrogant im Auftreten,
ein Aristokrat. Seine Abstammung entsprach genau meiner Vorstellung: der
Vater Shaikh Al Badi (Morafic x Bint Maisa El Saghira), die Mutter Bint
Magidaa (Khofo x Magidaa). Alidaar führt einige der besten Nazeer-Nachkommen
im Pedigree, z.B. die herrliche Bint Maisa El Saghira. Mütterlicherseits
geht er auf die seltene Linie der El Mahroussa (Obeyan Om Grees) zurück.
Ich war davon überzeugt, dass sein Potenzial als Vererber unsere
Zucht in eine neue Dimension führen würde.
Doch die Begegnung
mit Alidaar brachte mich in gewaltige Nöte: Wie sollte ich meine
Frau davon überzeugen, unseren Traumhengst gefunden zu haben? Und
wie konnte der Kauf realisiert werden? Es waren aufregende Tage, ich musste
gewisse Überzeugungsarbeit in verschiedene Richtungen leisten, bevor
Entscheidungen fielen. Doch bald war alles geregelt und Alidaar überquerte
den großen Teich und kam zu uns nach Frankreich.
Photo: Rik
van Lent
Alidaar und Willi Poth in Frankreich
Zukunftspläne
Wir träumten und machten eine Zeitreise: Wir nahmen Anpaarungen vor,
die noch nicht möglich waren. Unser Hengst Lohim (Ansata Halim Shah
x Lohelia von Morafic) erschien uns als die züchterische Ergänzung
zu Alidaar. Doch Lohims Fohlen waren noch nicht alt genug oder gar nicht
geboren, so dauerte es einige Jahre, bis unsere züchterischen Fantasien
Realität wurden. Diese Kombination brachte uns Fohlen mit herrlichem
Typ, guter Oberlinie sowie schönen, dunklen und großne, runden
Augen. Diese Hengstkombination in Generationenfolge passte einfach zusammen.
Photo:
Nicole Sachs
Alidaar
Erst
Europa, dann Qatar
Doch zunächst
ging es darum, Alidaar in Europa bekannt zu machen.
Auf seiner ersten Schau in Menton/Frankreich konnte ich ihn selbst präsentieren
und er erhielt Noten, die bis zu diesem Zeitpunkt kaum ein anderes Pferd
jemals erhalten hatte. Alidaar erwies sich als überragend in Typ
und Gebäude und bekam wohlverdiente Bewertungen für seine Bewegung.
Einfach gesagt - er war unschlagbar. Ich schwebte auf Wolken und konnte
diesen Flug mit weiteren Schauerfolgen fortsetzen.
Alidaars Schwachpunkt
waren seine Bewegungen. An fünf Tagen der Woche zeigte er unbefriedigende
Gänge, an ein bis zwei Tagen jedoch schwebte er über die Weide.
Ich hatte das Glück, dass er auch auf verschiedenen Schauen ausreichende
Gänge zeigte. Unter dem Sattel bewegte er sich allerdings stets ausgeglichen
und harmonisch, wobei er den Westernstil bevorzugte.
Natürlich machte ich mir Sorgen und überlegte, wie er sich gerade
in diesem Punkt vererben würde. Um es kurz zu machen: Alle seine
Nachkommen, die in unserem Gestüt geboren wurden, hatten sehr gute
bis überragende Bewegungen.
Doch wie so oft, gilt
der Prophet im eigenen Land wenig.
Als Alidaar nach Europa kam, hatte er sofort seine Verehrer. Im gleichen
Maße wurde er von anderen kritisiert. Es liegt anscheinend im Wesen
vieler Menschen, nach Fehlern zu suchen, statt die positiven Merkmale
zu würdigen.
Photo: Gigi
Grasso
Al Aangha Al Rayyan (Alidaar x Ansata Majesta),
die internationale Championesse von Qatar 2004
Wir ließen uns nicht beirren und glaubten an Alidaar. Heute, nachdem
er zunächst im Gestüt des Emirs von Qatar eingesetzt wurde und
nun wieder unter den schützenden Augen von Sheikh Abdul Aziz Al Thani
(Gestüt Al Rayyan) steht, haben sich sowohl seine züchterische
Qualität als auch unsere Philosophie bestätigt. Die Championesse
der Internationalen Schau 2004 in Qatar war die Alidaar-Tochter Al Aangha
Al Rayyan (x Ansata Majesta von Ansata Halim Shah). Die Nachkommen von
Ansata Ibn Halima eigneten sich durch ihr sanftes Wesen in besonderer
Weise, das energische Blut von Morafic aufzufangen. Diese Feststellung
bestätigt sich auch bei Lohim. Er stammt aus der Morafic-Tochter
Lohelia und bei ihm brachte Ansata Halim Shah wiederum Ruhe und Ausgeglichenheit
ein.
Photo:
Gigi Grasso
Classic Rayan (Alidaar x AK Raiyeh)
steht zur Zeit in Spanien
Alidaar
als Vererber
Alidaar bestätigt durch seine Nachkommen, dass er seinem Vollbruder
Ruminaja Ali in jeder Weise ebenbürtig ist, wobei er für mich
der Edlere von Beiden ist.
Wir schätzen uns glücklich, drei von Alidaars Nachkommen zu
besitzen. An erster Stelle möchte ich Classic Rashma (a.d. AK Raiyeh)
nennen, die bei ihrem Schaudebüt weltweit für Furore sorgte.
Eine Stute mit exzellenten Nachkommen ist Classic Madaraa (Alidaar x UP
Bint Marah). Sie lieferte in Verbindung mit Lohim ausgezeichnete Nachzucht,
u.a. Classic Lohelia, Championats-Siegerin beim Event 2002 in Italien.
Sie ist derzeit an das Royal Jaafar-Gestüt in Jordanien verpachtet.
Herausragend als Hengst ist Classic Rayan (x AK Raiyeh), inzwischen acht
Jahre alt und für die Saison 2004 nach Spanien verpachtet.
Photo:
Carola Toischel
Gazal Sakr (Shaheen x Alidarra by Alidaar),
Omar Sakrs ägyptischer National-Champion
Alidaar-Nachkommen
sind aufgrund ihrer Qualität begehrt und weltweit zu finden, im Schauring
erfolgreich und in der Zucht ihr Potenzial beweisend. Um nur einige zu
nennen: Classic Farida steht in Kuwait, Classic Medaba (x UP Bint Marah)
in Italien, Classic Ameer Ali in Italien (2003 Champion beim Egyptian
Event), Classic Shadwan (x Shagiah) und Miriyah Alida (x Monisa Halima)
in Deutschland sowie ihr Vollbruder Classic Arif in Saudi Arabien, Classic
Aldaraa (x Shagiah) in Ägypten, Classic Mansour in Italien. Zwei
Fuchshengste stehen in Deutschland, die auf der Verbandshengstschau mit
Schleifen belohnt wurden: Pasha Yasin (x UP Sheika Bint Pasha) erhielt
eine Goldene, Nabeel (x Myrna) eine Silberne. Die Stute Classic Dahra
(x AK Dareeba) in Deutschland ist ein Synonym für arabischen Adel
schlechthin. Nicht weniger edel ist Nabilah-D "P" in Belgien.
In Ägypten brachte die Alidaar-Tochter Alidarra für ihren Besitzer
Omar Sakr einen Champion nach dem anderen und die Mutter des Egyptian
Event Champions 2003 in den USA, The Orient Express, ist eine Alidaar-Tochter.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Seine
20 Jahre sieht man Alidaar nicht an. Er besticht nach wie vor durch seine
trockene Erscheinung, seinen Adel und befindet sich in bester Kondition.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich habe Hengste erlebt, deren Handling
einfacher war. Alidaar beantwortet Härte und den Gebrauch der Peitsche
mit Unmut, ich denke, das Training in den USA hat ihn geprägt. Ein
Hengst wie er vergisst nicht. Begegnet man ihm, wie ich es getan habe,
mit Respekt und behandelt ihn als Freund, gibt er in jeder Sekunde ein
Gefühl zurück, das unvergesslich bleibt.
Photo: Gigi
Grasso
Alidaar in der Wüste von Qatar, fotografiert
vor wenigen Wochen
Ein
trister Moment war für uns der Augenblick, in dem Alidaar unser Gestüt
verließ. Wir wussten, dass es nicht leicht sein würde, erneut
einen Hengst dieses Kalibers zu finden.
Trost und immer wieder eine Befriedigung für uns ist es, ihn in seiner
wohl letzten Heimat Qatar zu sehen. Dort lebt er auf einem Gestüt
und wird von Menschen betreut, die ihm die Wertschätzung zukommen
lassen, die ihm zusteht.
Alidaar - vielleicht einer der letzten großen Hengste, der seine
strahlende Persönlichkeit mit einer ausgezeichneten Abstammung verbindet.
Mein verehrter Freund, alles Gute zum Geburtstag.
Photo: Carola
Toischel
Alidaar mit seinem langjährigen Pfleger
Yussef

|